Auszug aus:
Die Abendwaffel Band 1.
Tor ins Mondlicht
Der dichte Nebel umschloss die Felder, und der Herbst zeigte sich in seiner vollen Pracht, als eine unbekannte Gestalt einen abgelegenen Pfad entlang schritt. Sie überquerte eine kleine Brücke über einen nahegelegenen Fluss, dessen Wasser den Nebel sanft widerspiegelte und einen beinahe märchenhaften Eindruck erweckte. Nicht weit entfernt war das gleichmäßige Plätschern zu vernehmen, das sich mit den leisen Geräuschen des Waldes vermischte und mit einem leisen Wispern verschmolz. Das Gesicht der Gestalt war nahezu bis zur absoluten Unkenntlichkeit verhüllt, und behutsam setzte sie einen Schritt nach dem anderen. Die Gedanken schwebten über der spiegelnden Oberfläche des Flusses, leise und unscheinbar. Keine lebendigen Wesen, Tiere oder Menschen waren zu vernehmen und doch spürte man eine Art von Anwesenheit, etwas emotionales an diesem Ort, mehr als aufmerksam, wartend, fast schon lauernd. Am Rand des Weges fiel der Blick schließlich auf etwas Einzigartiges, fast Seltsames: eine Pusteblume, ein Korbblütler, nahezu vollkommen und unversehrt, was angesichts des aufkommenden Windes ungewöhnlich erschien. Die Gestalt trat näher, beugte sich hinunter, brach den Stiel und betrachtete die Blüte von allen Seiten. In diesem Moment wurde der Wind stärker und trug die feinen, grauen Fäden fort. In ihrer Hand blieb nur der schlichte Rest zurück. Aufmerksam verfolgte sie, wie sich die Blume im Nebel verlor. So vergänglich wie ein Gedanke im Augenblick tiefster Emotion, das Gefühl bleibt, doch der Gedanke verblasst in Raum und Zeit. Vielleicht verfliegen geteilte Gedanken schneller als jene, die man einsam mit sich trägt. Ihre Schritte führten sie tiefer in den Wald, bis sie vor einer kleinen Kapelle stand. Ein altes Gebäude aus längst vergangener Zeit. Als sie den schmalen Innenraum betrat, bemerkte sie, dass sie den Stiel noch immer in der Hand hielt. Der Raum war klein, doch ein warmes Licht erfüllte ihn. Zwei Bänke standen einander gegenüber, davor ein üppig geschmückter Altar mit einer Halterung für kleine Kerzen, die einsam in der Dunkelheit brannten. An den Wänden waren Malereien und Symbole zu erkennen, die von einer tief stehenden Sonne erzählten, fernab diesen Ortes, in einer weit entfernten Welt. Es war still, abgesehen vom Wind, der draußen durch die Bäume strich. Der Duft von Weihrauch lag in der Luft und lud dazu ein, innezuhalten, nicht nur über das Hier und Jetzt nachzudenken, sondern über das eigene, vorübergehende Leben. Je tiefer sie sich in ihre Gedanken versenkte, desto deutlicher wurde der Wunsch nach Vergebung und nach einem Abschluss vergangener Geschehnisse.
Manchmal bedarf es keiner endlosen Reflexion und manchmal genügt es, einen Gedanken ziehen zu lassen, wie eine Pusteblume im Wind. Die Zeit verging, und die Nacht brach herein. Die Kerzen brannten nieder und erloschen nacheinander. Schließlich verließ die Gestalt die Kapelle. Der Wind hatte zugenommen, doch mit dem Zurücklassen ihrer Gedanken legte sich auch das Gefühl von Schmerz und Kummer, zumindest für diesen Moment. Es war kein weiterer Gedanke mehr nötig. So setzte sie ihren Weg fort, bahnte sich einen Pfad durch Erinnerungen, die einst verblasst waren und nun wieder greifbar erschienen. Das Mondlicht erleuchtete nicht nur den Wald, sondern auch ihre Gedanken. Allmählich lichtete sich der Nebel, und ein schmaler Mondstrahl drang durch den Dunst, bis er das gegenüberliegende Ufer erreichte, wo die morsche Brücke erneut sichtbar wurde. Vielleicht bestand eine der größten Aufgaben im Leben darin, sich den eigenen Gedanken zu stellen – jenen, die Tag für Tag unruhig durch den Kopf zogen und keinen Frieden fanden. Am Ufer wuchsen weitere Korbblütler. Doch diesmal war es anders. Als sie die Brücke betrat, bemerkte sie ein Feld grauer Blumen am Wegesrand, das ihr zuvor entgangen war. In der Ferne erschienen weitere Gestalten, die sich ebenfalls auf den Weg zur Brücke machten. Jede von ihnen hob eine Blume auf und trug sie bei sich. Sie gingen an ihr vorbei, ohne ein Wort zu verlieren. Die Brücke war mehr als ein Übergang, sie war ein Zugang zur Zeit, zu Erinnerungen, zu allem, was gewesen war. Und doch musste man am Ende erkennen, dass manche Gedanken freigegeben werden mussten, um weiterzugehen.
Langsam verließ sie den Wald und schritt dem silbernen Mondlicht entgegen. Etwas schien sich zu wandeln, als geriete die Welt in leise Bewegung. Die Gedanken waren leichter geworden, nicht vergessen, aber gelöst von ihrer Schwere. Erst in diesem Moment begriff sie, dass es nicht allein das Mondlicht war, das sie umgab, sondern ein stilles Erkennen. Als sie glaubte zu erwachen, wurde ihr bewusst, dass nicht sie es war, die erwachte, sondern jene, die sich um sie versammelt hatten. Das Gefühl der Freiheit war kein lauter Triumph, es war eine leise Glückseligkeit.